Beispielgeschichte
Paul und der Herzstein
Beispiel · Held: Paul, 2 Jahre
Paul hatte einen neuen Rucksack. Er war grün, hatte zwei Augen und sah aus wie ein kleiner Frosch. Heute durfte der Frosch zum ersten Mal mit in die Kita, zusammen mit Paul und Papa.
Vor der Tür blieb Paul stehen. Drinnen war es laut. Kinder lachten, irgendwo klapperte Geschirr, und es roch nach Apfeltee. Paul hielt Papas Hand ganz fest.
Papa ging in die Hocke. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte er und legte einen glatten, grauen Kieselstein in Pauls Hand. Auf den Stein hatte Papa mit rotem Stift ein kleines Herz gemalt. „Das ist ein Herzstein. Wenn du ihn drückst, denkst du an mich. Und ich denke an dich.“
Paul steckte den Herzstein in seine Hosentasche. Dann gingen sie hinein.
Die Erzieherin hieß Frau Yilmaz. Sie hatte eine weiche Stimme und eine Schürze mit Sonnenblumen. „Hallo Paul“, sagte sie. „Wir haben eine Rutsche. Und Bauklötze, die so groß sind wie du.“ Paul sagte nichts. Aber er schaute zu den Bauklötzen.
In den ersten Tagen blieb Papa die ganze Zeit dabei. Er saß auf einem kleinen Stuhl am Rand, und Paul lief manchmal zu ihm hin und dann wieder weg. Bei den Bauklötzen saß ein Mädchen mit Zöpfen. Sie hieß Mia und baute einen Turm. Paul gab ihr einen roten Klotz. Mia setzte ihn ganz oben drauf. Der Turm wackelte, und beide lachten.
Eines Morgens sagte Papa: „Heute gehe ich kurz einkaufen. Wenn ihr gefrühstückt habt, bin ich wieder da.“ Er drückte Paul einmal fest, gab ihm ein Küsschen und winkte am Fenster. Paul weinte ein bisschen. Frau Yilmaz nahm ihn auf den Schoß. Paul drückte den Herzstein in seiner Tasche, und dann ging es schon etwas besser.
Nach dem Frühstück stand Papa in der Tür. Genau wie versprochen.
Jeden Tag blieb Papa ein bisschen länger weg. Paul frühstückte mit den anderen Kindern, sang das Lied vom Regenwurm und rutschte mit Mia die Rutsche hinunter, immer wieder. Mittags gab es Nudeln mit Tomatensoße, und Paul aß zwei Teller.
Dann kam der Tag, an dem Paul auch in der Kita schlief. Er lag auf einer kleinen Matratze mit seiner Kuscheldecke, den Herzstein in der Faust. Frau Yilmaz summte leise. Und Paul schlief ein.
Als er aufwachte, saß Papa schon in der Garderobe. „Ich hole dich nach dem Schlafen ab“, hatte er gesagt. Und da war er.
„Papa“, rief Paul und rannte los. Papa fing ihn auf und wirbelte ihn herum. „Wie war es?“ Paul überlegte. Dann zog er den Herzstein aus der Tasche und hielt ihn hoch. „Gedrückt“, sagte er. „Und Rutsche. Mit Mia.“
Auf dem Heimweg hüpfte der Froschrucksack bei jedem Schritt. Und Paul wusste jetzt ganz genau: Morgens geht Papa weg. Und nach dem Schlafen kommt er wieder.




