Beispielgeschichte
Emma und das kleinste Lied der Welt
Beispiel · Held: Emma, 4 Jahre
Seit drei Tagen wohnte bei Emma ein Baby. Es hieß Jonas, war sehr klein und sehr rot im Gesicht und konnte genau drei Dinge: schlafen, trinken und schreien. Am besten konnte es schreien.
Alle wollten Jonas sehen. Oma kam mit einem Strampler, Tante Steffi mit einer Rassel, und die Nachbarin brachte eine Mütze mit Bärenohren. Alle beugten sich über die Wiege und sagten „Ooooh“. Emma stand daneben und sagte nichts.
Am Abend wollte Emma, dass Mama ihr vorliest. Aber Mama saß auf dem Sofa und stillte Jonas. „Gleich, mein Schatz“, sagte sie. Emma wartete. Und wartete. Dann warf sie ihr Buch auf den Boden und lief in ihr Zimmer.
Kurz darauf kam Papa herein und setzte sich zu ihr auf den Teppich. „Du bist wütend“, sagte er. Emma nickte. „Jonas ist doof. Er nimmt mir die Mama weg.“
Papa nahm sie in den Arm. „Weißt du, als du so klein warst, hast du auch die ganze Zeit getrunken und geschrien. Mama und ich waren so müde, dass wir einmal Zahnpasta auf die Haarbürste getan haben.“ Emma musste ein kleines bisschen lachen.
„Aber eins hat sich nicht verändert“, sagte Papa. „Mamas Herz und mein Herz werden nicht in Stücke geteilt. Sie werden einfach größer. Da ist so viel Platz für dich wie immer.“
In der Nacht wachte Emma auf, weil Jonas weinte. Er weinte und weinte, und Mama ging mit ihm im Flur auf und ab. Emma stand in ihrem Schlafanzug in der Tür. „Er hört nicht auf“, flüsterte Mama müde.
Da fiel Emma etwas ein. Ein Lied, das Mama früher immer für sie gesungen hatte. Ganz leise fing sie an: „Schlaf, kleiner Stern, schlaf …“ Sie kannte nur die erste Zeile, also sang sie die erste Zeile noch einmal. Und noch einmal.
Jonas hörte auf zu weinen. Er machte die Augen auf und schaute Emma an. Ganz lange. Dann gähnte er, so weit, dass man seinen zahnlosen Mund sah, und schlief ein.
Mama sah Emma an, als hätte sie gerade gezaubert. „Wie hast du das gemacht?“ – „Das ist das kleinste Lied der Welt“, sagte Emma. „Es ist nur eine Zeile. Für ganz kleine Babys reicht das.“
Am nächsten Morgen setzte sich Mama zu Emma ins Bett, ganz ohne Jonas, der bei Papa schlief. Sie las ihr das Buch vor, das Emma am Abend auf den Boden geworfen hatte. Von vorne bis hinten. „Das ist ab jetzt unsere Zeit“, sagte Mama. „Jeden Morgen. Nur du und ich.“
Am Nachmittag kam Oma wieder zu Besuch. Sie beugte sich über die Wiege und sagte „Ooooh“. Emma stellte sich dazu. „Wenn er weint, musst du mich holen“, sagte sie. „Ich kenne nämlich sein Lied. Ich bin seine große Schwester.“




